Auf der Jagd nach dem größten Wels der Welt

Autor: Matthias Westerweg
Ziel: Suriname, Amazonien

Manche Angeltouren bleiben einem in Erinnerung weil alles bestens geklappt hat. Die Fische bissen wie verrückt, das Wetter war prima und die Vögelchen zwitscherten am Himmel… Die weitaus meisten Touren bleiben aber erst durch ihre Schwierigkeiten und die dann folgenden Glücksmomente wertvoll für uns. Einen solchen Trip erlebte ich in Amazonien.

Als bekennender „Flussmonster“-Fan keimte schon länger der Gedanke in mir, es einmal mit den größten Süßwasserrräubern der Welt aufzunehmen, doch Pauschalreisen in die entlegensten Gebiete der Welt findest du -zum Glück! -auch nicht an jeder Ecke.

Als ich dann auf ein Angebot von „Andrees Angelreisen“ stiess, ließen mich die Bilder nicht mehr los und 14 Tage später war die Buchung unter Dach und Fach. Wir waren sechs Angler, drei Deutsche und drei Österreicher. Unser Führer Andreas als siebter kam extra aus Kenia eingeflogen. Ziel der Reise war Suriname. Unser Gegner sollte der dort vorkommende Piraiba sein.

Wo zum Teufel ist Suriname und was zur Hölle ist ein Piraiba?

Das kleine Land liegt eingequetscht zwischen Brasilien, Französisch Guyana und Guyana in Südamerika. 80 Prozent des Landes gehören zum Amazonas-Regenwald. Industrie gibt es kaum. 90 Prozent der Bevölkerung wohnen in den Städten am Atlantik, der Rest verteilt sich in verstreuten Dörfern im Urwald und ist nur mit Booten zu erreichen.

Das Angeln sollte an einem der großen 5 Flüssen des Landes stattfinden. Nebenbei erfuhren wir, dass das die allererste geführte Tour war, die Andrees-Angelreisen in diesem Land organisiert hatte…

Fährst Du den Fluss hinauf, erwarten Dich auf beiden Uferseiten mindestens 300 km purer Regenwald und sonst gar nichts! Unser Urwald-Camp sollte etwa 80 km vom Ausgangspunkt entfernt liegen und aus einem Hauptzelt zum Essen, sowie mehreren kleineren Zelten zum Schlafen bestehen. Also Luxus pur, aber was tut man nicht alles für die kleinen Fischlein…

Ach ja, die Fische. Zielfisch unserer Tour war der Piraiba, die größte auf der Welt vorkommende Welsart, die hier Längen von bis zu 3 m und Gewichte von weit über 250 kg erreichen kann. Was braucht man also als Ausrüstung für einen solchen Trip? Als Ruten kamen Welsruten von 300 bis 500 g Wurfgewicht in Frage. Bei den Rollen kamen nur Grossfischrollen mit mindestens 250 m Schnurfassung für 0,60er oder 0,70er Geflochtene zum Einsatz. Die Vorfächer bestanden aus 1,2 bis 1,3 mm Kevlar mit 150 kg Tragkraft, entsprechende Wirbel, verstärkte 5X-Drillinge 3/0 bis 5/0, sowie Einzelhaken zwischen 3/0 und 10/0 aus dem Meeresbereich. Damit sollte man schon einiges ausrichten können – dachte man…

„Teil des Schiffes – Teil der Crew“… mit diesem schönen Motto aus „Fluch der Karibik“ konnte man unsere Wohnsituation ziemlich passend beschreiben. Als wir nämlich an unserem Camp ankamen, erfuhren wir, dass unser Urwaldcamp, bedingt durch die länger anhaltende Regenzeit, völlig verschlammt und damit Moskitoverseucht war. Wir waren zu siebt und lebten 9 Tage lang auf einem Boot, wobei Boot wohl doch etwas übertrieben ist, denn es war eher eine mitten im Fluss verankerte Plattform mit Dach und Wänden aus Plastikplanen. Freilufttoilette und Kühltruhe waren der größte Luxus, da blieben die mitgebrachten Biere wenigstens schön kalt. Liebevoll wurde unsere Behausung dann auch „Roter Oktober“ und später „Airforce One“ an Erinnerung an die letzte Zuflucht der Menschheit getauft. Das Ding hat uns wirklich so manchmal „gerettet“, denn was sich hier wettermäßig abspielte habe ich so noch nie erlebt. Bis zum Mittag wurde man bei bis zu 40 Grad geradezu gegrillt, ab Mittag änderte sich das Wetter dann schlagartig. Sintflutartige Regenfälle waren an der Tagesordnung und man war mehr damit beschäftigt, das Wasser aus den Booten zu schaufeln als zu angeln.

Zum richtigen Problem wurden dann aber die Moskitos und Eintagsfliegen. Kamst du abends mit dem Boot dem Land zu nah, stürzten sich Geschwader der Blutsauger auf jede freie Hautstelle, die vorher beim Behandeln mit Mückenschutz vergessen wurde. Die Eintagsfliegen kamen in solchen Mengen vor, dass sie einmal sogar einen Kurzschluss zwischen der Polen der Echolotbatterie erzeugten.

Leider hatten die enormen Regenfälle auch erheblichen Einfluss auf das Beißverhalten unserer Zielfische. Normalerweise fahren 2 Angler mit einem einheimischen Bootsführer. Geankert wird an Stellen, an denen sich tiefe Löcher im Flussbett befinden. Die Durchschnittstiefe des Flusses in unserem Bereich betrug etwa 7 bis 11 m, in den Löchern konnte es von 20 m auf bis zu 28 m Tiefe gehen. Hier unten lebt der Piraiba. Die Köderfischmontagen werden beidseitig vom Boot stromabwärts platziert. Anfangs brauchten wir etwa 175 g Blei, später, bei immer weiter steigendem Wasser blieben selbst 350 g nicht mehr am Grund liegen, was unweigerlich zu Hängern führte. Liegt der Köder am Grund, wird die Rute platziert und die Rollenbremse so eingestellt, dass sie gerade eben keine Schnur mehr freigibt. Beisst ein Fisch, (was vorkam) werden erst vorsichtig 1 bis 2 m Schnur langsam aus der Rolle gezogen. Läuft der Fisch dann weiter, muss man einen extrem harten Anschlag setzen um die großen Haken tief genug ins knöchrige Maul des Fisches treiben zu können. Unbedingt vorher die Bremse KOMPLETT zudrehen! Nach dem Anschlag geht die Post ab! Die Kraft der Fische ist unglaublich. Problemlos wird die Schnur aus der geschlossenen Bremse gezogen, weil der Fisch seinen Unterstand erreichen will. Der Bootsführer wirft in diesem Moment seine Ankerboje über Bord und versucht den Fisch mit Hilfe des Motors und des Anglers vom Unterstand fernzuhalten. Mehrfach sind uns bei diesen Fluchtaktionen die geflochtenen Hauptschnüre gerissen – trotz ihrer 80 bis 95 kg Tragkraft… Gibst Du Schnur, hast Du auch verloren. Der Fisch erreicht seinen Baum oder seine Wurzel und setzt sich unweigerlich fest.

In den ersten 2 Tagen verloren wir etwa 10 grosse Fische, nur ich konnte einen dieser Riesen landen, der bei 192 cm etwa 180 Pfd. auf die Waage brachte. Das war ein heisser Ritt! Mit den Beinen an der Bordwand, auf der Rute sitzend, die zum Bersten gebogen war, zog uns der Fisch durch die Dschungelnacht. Nach etwa 20 min hatte ich ihn an der Oberfläche. Mein Freudenschrei war mit Sicherheit lauter als das Gebrüll der Affen in den Bäumen, und zum Fotoshooting war es mir auch echt egal, was in diesem Wasser sonst noch so alles herumschwamm. Ich hatte endlich „mein“ Flussmonster!

Danach bekamen wir bedingt durch die extrem stark gewordene Strömung leider keines dieser Flussmonster mehr ans Band und stellten uns auch die kleineren Exemplare in Ufernähe oder auf das Angeln auf Piranhas um. Diese Viecher waren allgegenwärtig. Nach ein wenig Anfüttern mit Fisch- oder Fleischabfällen konnte man sie problemlos an der Grundangel fangen. Da sie bei Stückgewichten von bis zu 2,5 kg aber auch jedes Stahlvorfach problemlos durchbeissen, musste man eine Wirbelkette als Vorfach basteln. Popper, Gummifische, Wobbler oder ähnliches hätte man auch gleich vergraben können, alles wurde gnadenlos durchbissen.

Fazit: Diese Reise war unglaublich spannend und aufregend, da hier Fische leben, deren Größe und Kraft im Süsswasser mit nichts zu vergleichen ist. Leider waren bedingt durch die anhaltenden Regenfälle und dem Wasserstand die guten Fangplätze im Fluss nicht mehr zu befischen. Der Urwald mit seinen Farben und Geräuschen ist absolut überwältigend!

Als Konsequenz aus unserem Pech mit dem Wetter haben 5 der 6 Teilnehmer sofort wieder für 2016 gebucht, ich selbstverständlich auch. Wir werden dann etwas später im Jahr anreisen und hoffentlich den Fluss „rocken“, als „Teil des Schiffes – Teil der Crew“!